Anne-Kristin Knobloch - Bericht über mein Austauschjahr in den USAAmerica – A Special ExperienceAlle Vorbereitungen waren getroffen, als mir drei Tage vor meiner Abreise meine Tasche samt Handy, Badesachen und vielem mehr geklaut wurde. Am Flughafen Berlin-Tegel begann die Reise für mich. Weiter ging es nach Frankfurt am Main, von dort aus nach Denver und anschließend zu meinem Zielflughafen Fresno in Kalifornien. In Frankfurt traf ich auf eine Gruppe Austauschschüler meiner Organisation. ![]() Zwei andere Austauschschülerinnen und ich mussten in Denver angekommen erfahren, dass wir für unseren Weiterflug zu spät gewesen seien und unsere Sitzplätze, von vornherein doppelt gebucht, schon vergeben waren. Nun hatten wir unglaublich viel Zeit, den Flughafen zu erkunden und unsere Gastfamilien anzurufen, um die Verspätung mitzuteilen. Übermüdet und zur Stütze für die beiden schluchzenden Mädchen degradiert, kam ich Stunden später doch in Fresno, Kalifornien, an. ![]() Lara, eines der Mädchen, sollte ich recht bald wieder sehen, da wir beide auf die Fresno High School gingen. Die Fresno High bestand aus mehreren Schulgebäuden, Tennisplätzen, Football-, Soccer-, Baseballfeldern, Fitnessräumen, einer Schwimmanlage, einer Turnhalle und einem Theater mit 2000 Sitzplätzen. Rund 3000 Schüler und Schülerinnen, neunzig Prozent farbige, Mexikaner, Asiaten und nur etwa zehn Prozent weiße, besuchten die Schule. Sie befand sich im Ghetto der Stadt, zahlreich Gangs und Anhänger diverser Sportteams, wie zum Beispiel die der berüchtigten Fresno State Bulldogs, taten ihr übriges. ![]() Es bildeten sich des Öfteren Trauben um Schulhofschlägereien, auch Lehrer wurden gerne mit eingebunden. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen, wie oft der Feueralarm ertönte. Dies geschah oftmals begründet, weil Toiletten oder Theater in Brand gelegt wurden. Von einem über den Hof rasenden Polizeiauto wären ich beinahe erfasst worden, welches eine große Gruppe randalierender Schüler jagte. Noch am gleichen Abend konnte ich das Geschehen anhand der News Revue passieren lassen. Zu spät kommen oder gar das Schwänzen der Schule wurde nicht geduldet und schwer geahndet. ![]() An meinem ersten Schultag wollten mich Schulpolizisten („Campus Police“) nach Hause schicken, weil ich gegen die Kleiderordnung verstieß. Ich hatte nicht gewusst, dass weder Teile des Rückens, noch des Bauches zu sehen sein durften, Topträger mussten mindestens 3 cm breit sein. Röcke und kurze Hosen mussten bis fast zu den Knien reichen, Flip Flops waren nicht erlaubt, und kein Kleidungsstück durfte Löcher oder Fransen aufweisen. Unnatürliche Haarfarben waren nicht erlaubt und an manchen Schulen durften die Jungen ihre Haare nicht länger als bis zu den Ohren tragen. ![]() Das Miteinander war jedoch unerwartet angenehm und keines Wegs rassistisch. Gastschüler wurden sehr herzlich und interessiert aufgenommen. Viele der geknüpften Freundschaften waren heiter und oberflächlich, genau wie es das typische Klischee besagt. Recht bald fand ich jedoch darüber hinaus wirklich gute Freunde. Ich war eine Zwölftklässlerin und damit ein so genannter „Senior“ und bekam am Ende des Schuljahrs eine Art „High School Diploma“. Ich durfte mir meinen Stundenplan selbst zusammenstellen, der jeden Tag aus den gleichen sechs Fächern bestand. So belegte ich keinen Mathematikkurs, aber Fächer wie Theater und Fotografie. ![]() Ich engagierte mich sowohl in der Theater AG, als auch im Organisationskomitee (Leadership) und im FCA (Fellowship of Christian Athletes) der Schule, wo es kostenloses Mittagessen gab. Sonst beanspruchte ich die Dienste der Cafeteria jedoch nicht. Außer mir und Lara gingen noch zwei andere Austauschschülerinnen auf die Fresno High, eine weitere Deutsche, Simone, und eine Japanerin, Ayaka. Einige Male jedes Jahr fanden „Rallyes“ und Versammlungen im Rahmen des Unterrichts im Schultheater statt. Während der ersten Versammlung wurden wir, die Austauschschülerinnen, auf der Bühne vom Direktor vorgestellt. Von nun an waren wir allen Schülern bekannt und ich wurde von vielen Seiten angesprochen und mit Fragen gelöchert. ![]() Gemeinsam mit den drei Austauschschülerinnen und einigen anderen ging ich an Freitagabenden ins Stadium zu den Footballspielen unseres Schulteams, welches genauso regelmäßig verlor. Das einzige Spiel, welches sie gewannen war „Homecoming“. Wie auch bei den Schultänzen „Formal“ und „Prom“ wurden dort King und Queen gewählt. Bei Spielen anderer Sportarten fieberten wir auch mit, da wir die meisten Sportler kannten. Schulveranstaltungen, wie beispielsweise Talentshows, Konzerte, Modenschauen, waren genauso angesagt wie Videoabende. Wir gingen ins Kino, hielten uns im River Park (Unterhaltungsmeile) auf und verbrachten Tage in den riesigen Einkaufspassagen zum Bummeln und Einkaufen. Wir gingen Bowlen und Billard spielen, gingen zum Rummel und unternahmen vieles mehr. Des Öfteren fanden Geburtstagsfeiern statt, die sich meistens jedoch grundlegend von denen in Deutschland unterschieden... ![]() Andere Gastschülerinnen und deren Gasteltern nahmen mich manchmal mit zu Nationalparks wie Sequoia und Yosemite. Wir besuchten einen Wasserpark, ein Wildkatzenreservat und zusammen mit Lara ging ich zu einem Footballspiel der 49er’s, welches in San Francisco stattfand. Während der ersten Woche der Osterferien wurde ich von einer anderen Gastfamilie auf eine kleine Reise mitgenommen. Im Auto fuhren wir über Los Angeles nach Nevada in die Stadt Las Vegas, dann nach Arizona zum Grand Canyon, weiter nach Monument Valley, wo wir auf Pferden durch die unglaublichen Kulissen ritten, und schließlich nach Sedona, wo ich erstmalig mit einem Heißluftballon in die Lüfte stieg. Anschließend traten wir den elf Stunden langen Rückweg an. Meine Betreuerin vor Ort organisierte für die unter ihrer Obhut stehenden Austauschschülerinnen anfangs einen Trip zu einem großen Vergnügungspark (Magic Mountain), Ende der Osterferien einen Trip über drei Tage zu einem Strand, Pismo Beach, und im Winter eine Fahrt in die Berge zum Skifahren. ![]() Verschiedene Sportarten wurden jedes Quartal von allen Schulen unentgeltlich angeboten und die Teams waren hoch angesehen. Im ersten Quartal spielte ich Tennis und über den Winter hinweg spielte ich mit meiner neuen Gastschwester, Sarah, Soccer. Denn nach weniger als zwei Monaten hatte ich nach einer neuen Gastfamilie gesucht. Zu dieser Zeit hatte ich schon viele Bekannte und einige Freunde an meiner Schule gefunden. Sarah, ihr kleiner Bruder und ihre Eltern hatten mich in einer Hals- über- Kopf- Aktion Ende September aufgenommen. Die Familie Garcia war mexikanischer Herkunft. Sie vermittelten das Gefühl einer richtigen Familie, waren aber sehr konservativ, streng gläubig und hatten einige Probleme. Nachts kamen unsere kleinen Freunde, die Kakerlaken, aus den Löchern gekrochen und liefen die Wände hoch. An Wochenenden war Hausputz angesagt, Samstage wurden in Waschsalons verbracht oder es wurden Bäume gefällt und Sonntage waren der Kirche gewidmet. Ich hatte mir ein kleines Häschen gekauft, das ich Cleo nannte und umsorgte. ![]() Anfang Februar zog ich nach Beschluss der Organisation erneut um. Der Umzug war mit einem Schulwechsel und der Weggabe Cleos verbunden. Cleo wollte ich nach Deutschland zu meinen Eltern schicken, doch meine Betreuerin vor Ort nahm sie auf. Diese lies Cleo bald darauf unbeaufsichtigt in ihrem Garten laufen, woraufhin ich sie nie wieder sah. Schnell sprach sich in der gesamten Fresno High mein bevorstehender Umzug herum, der am Tage meines letzten Soccerspiels war. Von dem Schulleiter persönlich, den Coaches und Lehrern, die ich sehr lieb gewonnen hatte, da sie sich immer fürsorglich um mich gekümmert hatten, den Klassenkameraden und Freunden verabschiedete ich mich und sie sich mit vielen kleinen Geschenken, Postern und Tränen. ![]() Ich zog in das, eine Autostunde weit entfernte, Reichenviertel der Stadt, nach Clovis. Meine neuen Gasteltern waren viel beschäftigt, meine fünfzehnjährige Gastschwester war typische „Cheerleaderin“ und der jüngere Gastbruder hochgradig hyperaktiv und schon gar nicht von seinen Eltern kontrollierbar. Wir fuhren noch drei Mal in die Berge zum Skifahren und verbrachten drei Tage im Disneyland in Los Angeles. Die neue Schule, Buchanan High School, bildete den totalen Kontrast zur Fresno High. Die Schule wurde von rund 3500 Schülern und Schülerinnen besucht. Im Vergleich mit der Fresno High war nun fast alles in doppelter Größe oder Ausführung vorhanden. Die Schule wurde zu neunzig Prozent von weißen Schülern besucht. Es viel mir ungleich schwerer Anklang zu finden. Die anderen Austauschschüler und Austauschschülerinnen aus aller Welt, von denen über zwanzig auf die Schule gingen, lernte ich nicht einmal alle kennen. Alles war viel unpersönlicher. Ich schloss mich dem Turmspringteam an und nutzte die Fitnessräume der Schule. Während ich den Kontakt zur Fresno High hielt, ich ging mit Freunden von der Fresno High zum Beispiel zum Black Eyed Peas Koncert, fand ich jedoch einen engen Freundeskreis an der neuen Schule. Gemeinsam verbrachten wir fast jeden Nachmittag miteinander. Neben den üblich Aktivitäten fuhren wir an den entfernt gelegenen See, an den Strand nach Carmel Beach, genossen die Sonne in Pools, spielten Soccer in den verschiedenen Parks und verfolgten die Anfänge der Fußballweltmeisterschaft und unternahmen vieles mehr. Nach San Francisco fuhr ich einmal im Rahmen einer Schulexkursion. Augenblicklich verliebte ich mich in die Stadt. Ein wenig später konnte ich die ‚Sluts and Dogs’- Parade verfolgen, wobei spärlich bekleidete Menschen die Straßen entlang liefen. Am letzten Schultag sind die „Seniors“ aus Teilen Kaliforniens anlässlich ihres „Graduation- Trips“ nach Disneyland gefahren. Als der Vergnügungspark für die Besucher die Tore schloss, wurden wir herein gelassen und verbrachten dort die ganze Nacht. Viele Fahrgeschäfte konnten benutzt werden und gleichzeitig diente der Park als riesige Disko. ![]() Besondere Highlights waren auch die Schultänze („Sadies“, „Formal“ und „Prom“), von denen ich hätte keinen missen mögen. Sie standen immer unter unterschiedlichen Themen. „Sadies“ war der einzige Tanz, bei dem die Mädchen die Jungen einluden. Durch den Schulwechsel besuchte ich „Sadies“ und „Prom“ doppelt. „Prom“ war der Abschlussball der Zwölftklässler, zu dem ich von einem Kumpel zu Fresno High`s und von einem anderen zu Buchanan`s eingeladen wurde. Auf die Vorbereitungen wurde unglaublich viel Wert gelegt, alles musste perfekt sein. Meine Eltern in Deutschland haben nicht schlecht geschaut, als sie den Kontoausdruck des Monats bekamen. Ich hatte zwar immer Kleingeld für alle Fälle dabei aber generell konnte ich fast alles mit Kreditkarte bezahlen. Beide Male, bevor es zum eigentlichen „Prom“ ging, gingen wir mit unseren Gruppen vorher zu jemanden nach Hause, um Fotos zu schießen und besuchten anschließend ein Restaurant. Für Buchanan`s „Prom“ mieteten wir sogar zwei Stretchlimousinen. Im Straßenverkehr dominierten generell geräumige Autos. Ein einziges Mal konnte ich einen Smart auf der Straße entdecken, über den sich meine letzteren Gasteltern amüsierten. Sie selbst besaßen einen BMW, einen Mercedes, einen Lexus und einen Van. Sie hatten solch ein kleines Auto, wie einen Smart, noch nie gesehen. Der Abschied fiel mir unglaublich schwer. Ich flog mit Lara zusammen zurück nach Deutschland. Am Flughafen warteten noch Freunde auf uns. Da wir uns nicht trennen konnten, verpassten Lara und ich beinahe unseren Flieger nach Denver. Wir gelangten dann aber über die Nottsreppe in das Flugzeug, In Frankfurt/M kamen wir jedoch verspätet an. Um unsere Anschlussflüge nach Berlin und München zu bekommen, rannten Lara und ich quer über den riesigen Flughafen. Lara hatte ihren verpasst und mich wollte das Bodenpersonal nicht mehr an Bord lassen. Schließlich gelang es mir doch, mein Platz war aber doppelt besetzt. Dank einer älteren Stewardess durfte ich dann im 1. Klasse Abteil Platz nehmen. Leicht zerstört, mit zerschlissenen Klamotten saß ich nun neben einem Piloten und stellte mich reichlich ungeschickt mit der Bedienung des variablen Sitzes an. Welcome Back to good old Germany. Solch ein Jahr lässt sich nun schwer mit wenigen Worten zusammen fassen. Ich bin unglaublich froh und dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte ein anderes Leben zu leben, fernab von allem, was ich gewohnt war. Ganz auf mich gestellt musste ich mit vielem umgehen, bin manchmal gestürzt, aber immer wieder aufgestanden. Alle Erfahrungen haben mich geformt und auch verändert. Ich habe jeden Tag intensiver gelebt und mehr genossen denn je, da mir die zeitliche Begrenzung umso deutlicher bewusst geworden war. |
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