Christina Eckert - Mein Jahr im Land der aufgehenden Sonne

Japan liegt eindeutig im Trend. Dass es das Land zwischen Tradition und Moderne ist, ist bekannt, jedoch wollte ich das selbst herausfinden. Meine Cousine befasst sich schon seit Jahren mit der Kultur des Landes. Sie hat mich sozusagen mit ihrer Neugier angesteckt. Aber nicht nur die Kultur und die Menschen faszinierten mich, sondern auch die Sprache. Als ich dann erfuhr, dass es möglich ist, ein Austauschjahr auch im fernen Osten zu absolvieren, wusste ich, dass ich das auf jeden Fall machen möchte. Mein Entschluss stand fest! Und so begann ich eineinhalb Jahre vor meiner Abreise, an der Volkshochschule Japanisch zu lernen.

Als ich dann endlich nach 13 Stunden Flug in Tokyo ankam, wurde ich von zwei Betreuern meiner Organisation PIEE bereits erwartet. Mein Start in Japan begann mit einem „Orientation Camp“ für alle Teilnehmer, die über PIEE hier waren. Neben Jugendlichen aus Deutschland waren hier auch welche aus Frankreich, Australien und Finnland. Das „Orientation Camp“ war ein mehrtägiges Einführungs-Camp in Japans Hauptstadt Tokyo, wo wir neben Japanischunterricht auch einen Besuch im Katastrophen-Center in Tokyo (in Japan gibt es schließlich auch Taifune und Erdbeben) auch eine Schnupperstunde Ikebana (Blumenstecken) und eine Teezeremonie mitmachten. Wir alle konnten uns dort also bereits etwas auf die japanische Tradition und das Leben, was uns nun für 10 Monate bevorstand, vorbereiten. Und zum Glück hatten wir dieses Camp, denn wir stellten fest, dass wir bestimmt in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten wären, wenn uns vorher nicht von unseren wirklich netten japanischen Betreuern jemand auf die ein oder andere Sache hingewiesen hätten.


Ginza in Tokyo

Nach drei Tagen kamen wir alle zu unseren Gastfamilien. Während einige sogar noch mal in ein Flugzeug steigen mussten, weil ihre Familien auf der nördlichsten oder einer der südlichen Insel von Japan lebten, lebte meine Familie in Chiba, der Hauptstadt der Präfektur Chiba, die direkt neben Tokyo liegt.

Ich hatte während meines Japanaufenthalts zwei Gastfamilien. Bei meiner ersten hat es mir sehr gefallen. Wir waren zu dritt, denn sie waren ein junges Paar und hatten noch keine Kinder. Fast jedes Wochenende waren wir unterwegs. Sie zeigten mir so ziemlich jede berühmte Ecke von Tokyo. Leider musste ich im April dann wechseln. Ich kam für die letzten zweieinhalb Montage zu einer Familie, die eine Tochter in meinem Alter hat. Allerdings war sie zu der Zeit mit derselben Organisation, mit der ich in Japan war, in Frankreich zum Austausch. Ich hatte auch dort eine wirklich schöne Zeit, sodass es mir auch da sehr schwer fiel, Tschüss zu sagen bei meiner Heimkehr.

Das Leben in Japan ist toll. Man hört ja immer, dass Japaner ziemlich pünktlich sind und es oft eilig haben. Tatsächlich konnte man zu meinem Erstaunen seine Uhr nach den Zügen stellen! Zu den Hauptverkehrszeiten sind die Züge immer mächtig überfüllt, selbst außerhalb von Tokyo. Dort gibt es ja bekanntlich die so genannten Schieber, die die Leute in die Züge drücken. Jeder Japaner hat mindestens ein Handy. Selbst kleine Kinder oder sogar ältere Leute sitzen tippend im Zug, um jemandem eine SMS zu schreiben. Verwundert hatte mich jedoch, dass es dann gerade hier untersagt ist, in der Bahn zu telefonieren.

Eine große Umstellung war das Essen dort. Zwar essen Japaner auch gerne Fleisch wie wir, aber Lieblingsessen ist nun mal Fisch. Doch sie essen nicht nur Sushi, also rohen Fisch, sondern auch gebratenen oder gekochten. Sushi mag nicht jeder Japaner. Zuerst dachte ich, dass ich vielleicht nicht glücklich werde mit dem fremden Essen, aber das Gegenteil geschah. Ich bin nun ein großer Fan der japanischen Küche geworden. Sogar an den Reis zum Frühstück habe ich mich gewöhnt. Gerade in Sachen Essen unterscheiden sich die Familien. Es gibt die traditionellen Familien, die zum Frühstück wirklich Reis, Ei und Fisch essen und die modernen, die doch lieber Toastbrot oder auch mal, viel zu überteuerte, Cornflakes essen. Brötchen oder Brot wie hier, gibt es dort allerdings noch nicht.

Japan, das Land der Uniformen… auch Schuluniformen gehören dazu. Auch ich „durfte“ eine tragen. Meine Schule war die Narita Kokusai International High School, wobei sich das „international“ mehr darauf bezog, dass dort auch Lehrer aus Amerika, Kanada und Australien sowie Frankreich, China und Korea unterrichteten. Unterricht begann jeden Tag um 8:40 Uhr, wobei 10 Minuten immer der „Homeroom lesson“ (ähnlich der Klassenleiterstunde) galten. Man hat jeden Tag 6 Stunden a 55 Minuten und um 15:15 Uhr war Schluss. Danach kam allerdings noch mal eine kleine „Homeroom lesson“ und dann wurde geputzt. In Japan ist es üblich, dass die Schüler die Klassenräume und Flure selber fegen. Das war auch eine Umstellung für ein verwöhntes deutsches Kind wie mich.

Kleine Pausen waren immer 10 Minuten lang und es gab eine 30-minütige Mittagspause. Für gewöhnlich aßen alle in den Klassenräumen oder bei gutem Wetter auf dem Dach. Einen richtigen Schulhof gibt es an den japanischen High schools nicht. Viele gehen auch in die Cafeteria der Schule.

Mädchen ist es an dem meisten Schulen, wie auch an meiner, nicht gestattet sich die Haare zu färben oder sich zu schminken. Deshalb wurde vierteljährig eine Kontrolle durchgeführt, welche witzigerweise Tage vorher bereits angekündigt wurde. Es war immer lustig zu sehen, wie einige meiner Freunde, die am Vortag noch braune Haare hatten, an dem berüchtigten Tag mit schwarzen Haaren zur Schule kamen, um am nächsten Tag wieder mit braunen zu erscheinen.


Meine Freunde beim Sportfest

Ein paar meiner schönstens Erinnerungen an meine Schule habe ich durch die Feste und die Klassenfahrt. Einmal ein japanisches Schulfest zu sehen, kann ich nur jedem empfehlen. Es ist einfach unglaublich, was die Klassen auf die Beine stellen. Vom Eisverkauf, der in einem wie ein Flugzeug dekorierten Klassenraum von als Stewardessen verkleideten Schülern betrieben wurde, über ein Labyrinth, welches Alice im Wunderland nachempfunden wurde bis hin zur unglaublichen Vorführung von „König der Löwen“. Auch das Sportfest habe ich mitgemacht, und wo es bei uns eher um sportliche Leistungen und auch Zensuren geht, ist es dort eher ein Tag voller Wettkampfspiele. Die einzelnen Klassen und Klassenstufen treten gegeneinander an im Tauziehen, Dreibein laufen (allerdings mit 40 Schülern) und ähnlichen lustigen Disziplinen. Ein Sportfest, was ich nie vergessen werde! Auch meine Jahrgangsstufenfahrt nach Korea war unvergesslich! Es ist einfach Wahnsinn, wenn man fast zwei Flugzeuge braucht, um eine Klassenstufe (2. Jahrgang mit Klassen von A bis G mit jeweils 40 Schülern) nach Korea zu fliegen! Ich war jedenfalls so glücklich, die Chance zu haben, mit meinen Freunden noch ein asiatisches Land besuchen zu dürfen.


Klassenfahrt in Korea

In meiner Freizeit war ich oft mit meinen Freunden unterwegs. Wir waren im Kino, in Tokyo zum Sightseeing, Shoppen oder zum Karaoke etc. Mir ist aufgefallen, dass Japaner, wenn sie etwas unternehmen, alles mit Shoppen verbinden, obwohl das Leben in Japan wirklich sehr teuer ist! Auch ist es nicht so üblich, sich bei jemanden zu Hause zu treffen, da japanische Wohnungen meistens sehr klein sind. Deshalb trifft man sich lieber im Einkaufszentrum oder woanders.

Japanisch ist eine der schwierigsten Sprachen, die es gibt und ich kann nicht sagen, dass es leicht war, sie zu erlernen. Jedoch habe ich es durch dieses Jahr geschafft, mir diese Sprache so anzueignen, dass ich mich auf japanisch verständigen, mich mit Leuten unterhalten und durchaus schon interessante Gespräche führen kann, wenn es auch noch nicht für geschäftliche Gespräche reicht. Somit habe ich mein Ziel für meine sprachliche Entwicklung für das Jahr erreicht.


Schrein in Kamakura

Alles in allem fand ich dieses eine Jahr für mich eine unglaubliche Erfahrung und ich werde auch weiterhin Kontakt zu diesem Land halten und es wieder besuchen. Wenn man sich an die andere Mentalität der Leute, die doch sehr fremd klingende Sprache und das zuweilen exotische Essen gewöhnen kann, so entdeckt man ein Land, welches fasziniert und fesselt. Und wenn man eine ältere Frau im Kimono wild auf einem Handy tippend in der Bahn trifft, so weiß man, dass das wirklich das Land zwischen Moderne und Tradition ist.

 
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