Erkner |
| http://www.erkner.de |
Über die Stadt Erkner - Historischer Rückblick eines Ehrenbürgersvon Dr. Bernd Rühle Ehrenbürger von ErknerAls die damalige Gemeinde Erkner aus dem Koma des 8. März 1944 (Bombenangriff) und des 21. April 1945 (Einmarsch der Roten Armee) erwachte, waren über 500 Menschen erschlagen, verbrannt, erstickt, ermordet, von 1333 Häusern 1007 total zerstört oder unbewohnbar, alle Brücken gesprengt, alle öffentlichen Einrichtungen wie Gemeindeamt, Bahnhof, Post, Sparkasse, Warmbad, Kirchen, fast alle Läden und Gaststätten, Arztpraxen und die Versorgungsnetze vernichtet oder schwer beschädigt, war fast nichts mehr so wie vorher. Vorher, das war vor diesem unseligen Krieg, hatte Erkner den Ruf eines begehrten Ausflugs- und Erholungsgebietes, trotz des Teerwerkes mit seinen häufig unliebsamen Ausdünstungen; ein Paradies für Wassersportler, Wanderer, Ausflügler aller Art, auf die ca. 30. Gaststätten warteten: Löcknitz-Idyll, Löcknitz-Terrassen, Schützenhaus, Märkischer Hof, Klosterhof u.a. Gerhart Hauptmann, neben vielen anderen, schwärmte später von seinen Erkner-Jahren: „Unser Leben war schön, Natur und Boden wirkten fruchtbar belebend auf uns ... Die märkische Erde nahm uns an, der märkische Kiefernforst nahm uns auf..." Und immer noch - nach ihrer Erneuerung - erinnert eine Tafel am Beginn des Theodor-Fontane Weges am hohen Löcknitzufer an dieses Dichters Ratschlag, wie man sich diese typische märkische Landschaft zu eigen machen sollte: „An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab, es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab" Man könnte diese und ähnliche Schilderungen noch eine Weile fortsetzen. Und abgesehen von dieser Fontane-Weisheit: der Ort selber war in den Jahren seit 1900 erheblich gewachsen, versuchte sich zeitweise sogar als Kurort mit Kurarzt, Kurhaus und Kurpark. Die Einwohnerzahl war mittlerweile auf ca. 6000 gestiegen, die Straßen mit Namen versehen, verbreitert und befestigt, Gas, Wasser und Elektrizität und S-Bahn-Anschluss zu Selbstverständlichkeiten geworden. Dieses alte Erkner war aber natürlich trotz allem kein märkisches Rothenburg geworden, denn immer mehr prägten die Industrien sein Gesicht und Image: Teerwerk, Bakelite und Kugellager samt Autobahn-Anschluss. Die Bewohner orientierten sich auf die angrenzende Hauptstadt Berlin; Versuche, dazuzugehören, eingemeindet zu werden, gab es immer wieder einmal bis in die jüngere Vergangenheit. Aber es wurde nie etwas daraus. Man wohnte eben in Erkner und arbeitete in Berlin - und umgekehrt. Auch Versuche, das Gemeindegebiet städtebaulich auszuweiten, blieben Wunschvorstellungen. Man wohnt eben - nach wie vor - in Karutzhöhe und geht einkaufen nach Erkner, wobei einige Wohngebiete wie „Neuseeland" oder „Afrika" eine Entfernung von Tausenden von Kilometern suggerieren, aber in Wirklichkeit nur einen Abendspaziergang voneinander entfernt sind. Nach dem II. Weltkrieg schleppte Erkner jahrzehntelang das graue, trostlose Markenzeichen „Barackenstadt" mit sich herum, obwohl es ja noch nicht „Stadt" war und neben vielen Baracken und notdürftig ausgebauten Ruinen auch ein paar neue Bauten entstanden waren. Erst in der 70er Jahren, begleitend um die 400-Jahrfeier herum, bewegte sich Grundsätzliches: an der Hauptstraße/Karl-Marx-Straße wurden Plattenbauten hochgezogen, man ging - immerhin - nicht mehr in eine triste Holzbaracke, sondern in eine Kaufhalle einkaufen. Das uniforme Wort von den Neubauvierteln entstand und prägte den dafür seines Baumbestandes weitgehend beraubten Kurpark. Und nun begann sich auch in diesen Jahren das Wissen und Bewusstsein für diejenigen Persönlichkeiten herauszubilden, die einem Ort zur Zierde gereichen: hier waren es Gerhart Hauptmann, Carl Bechstein, Albert Kiekebusch, Julius Rütgers und L. H. Baekeland. Museen, Gedenktafeln, Straßennamen und Wanderwege erinnern heute an sie. Ihnen verdankt unsere Heimatstadt wesentlich ihr heutiges kulturelles Profil, wobei natürlich das vor allem nach der Wende äußerst vielfältige kulturelle und gesellschaftliche Leben einbezogen werden muss: Museen, Vereine, Schulen – seit 1994 auch ein Gymnasium: Das Carl-Bechstein-Gymnasium Erkner für Schülerinnen und Schüler aus Erkner, den umliegenden Gemeinden und Berlin Rahnsdorf - , Kinder- und Jugendeinrichtungen, Chöre, Kirchen und andere religiöse Gemeinschaften. Man kann die Angebote und Möglichkeiten kaum noch überblicken, es sei denn, man nimmt die „MOZ" oder „Kümmels Anzeiger" oder den „Erkneraner" oder die „Jahreschroniken" oder „425-Kulturkalender Erkner" oder - oder - oder zu Hilfe. Heimatfest, Kolonistenfest, Lesungen, Führungen, Konzerte, Ausstellungen. Für eine kleine Stadt mit ca. 12.000 Einwohnern eine überzeugend breite Auswahl für fast jedermann, von Handwerk, Gewerbe, Dienstleistungen, Gastronomie, Sport, Verkehr usw. ganz zu schweigen. Die Frage nach der Lebensqualität, ob es sich lohnt, in Erkner zu leben, dürfte demnach eigentlich nur mit einem eindeutigen „JA" zu beantworten sein, zumal rund um die Stadt mit all ihren Einrichtungen, Ansichten, Aussichten, Vorteilen - und freilich auch einigen Nachteilen - noch genügend des Schönen, Anziehenden, Schwärmerischen und Romantischen zu finden ist: der Fontane-Weg zwischen Wald und See nach Woltersdorf, der Leistikow-Weg an Löcknitz und Wupatz-See zur stillen Liebesinsel, oder der Kiekebusch-Weg am Waldrand ins einsame Hohenbinde, wie auch der Wanderweg am Bretterschen Graben quer durch die sonnige, beruhigende Einsamkeit der Spreewiesen - und die stillen, in dem Wald- und Wiesengrün nahezu versteckten, aber doch leicht erreichbaren z.T. jahrhundertealten Wohnplätze mit den seit alters viel versprechenden Namen: Hohenbinde, Jägerbude, Schönschornstein und Alte Hausstelle mit der Bodelschwingh-Gründung Heim Gottesschutz. Wen könnte diese Fülle einsamer Schönheiten rund um die betriebsame, freundliche kleine „Stadt zwischen Wäldern und Seen" nicht locken und begeistern!? Aber eben deshalb noch einmal der alte Fontane: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben." |
| nach oben |