7. deutsch-russischer Schüleraustausch am Gymnasium

In der Fremde zu Hause sein

von Fr. Dr. Strauß

"Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, aber er in der Fremde überall zu Hause sei." Die Schüler des Erkneraner Gymnasiums folgen dieser Aufforderung Johann Wolfgang von Goethes. Ilona Urban, Russischlehrerein seit über 30 Jahren, ist sehr stolz darauf, dass ihr Fach auch nach der Wende durchgängig in allen Klassenstufen erteilt werden konnte. "Das ist nicht an allen Schulen im Lande so. Viele Schüler hatten Zweifel, ob diese Sprache überhaupt eine Zukunft habe. Viele Eltern erinnerten sich an ihre Mühe mit den kyrillischen Buchstaben und sechs Fällen, aber die russische Sprache ist gegenwärtig die wichtigste Verkehrssprache im osteuropäischen Sprach-, Kultur- und Wirtschaftsraum. Sie zu beherrschen, eröffnet den jungen Menschen einen kulturellen Blick und ermöglicht ihnen Chancen, am Haus Europa mitzubauen." Ilona Urban lässt sich eine Menge einfallen, um den Schülern ihre Begeisterung weiterzugeben. Im Rahmen der Vorbereitung des Schüleraustausches wird sie von der Schulleitung, ihren Lehrerkollegen, vor allem der Fachbereiche Geschichte, Geographie, Musik und Kunst, sowie den Eltern ihrer Schüler tatkräftig unterstützt. Wie erfolgreich diese Arbeit ist, lässt sich unter anderem an den guten Plätzen bei den Landesolympiaden "Russisch" ablesen und daran, dass leistungsstarke Schüler international anerkannte Zertifikatsprüfungen ablegen.
In der ersten Dezemberwoche haben die Schüler in Erkner Gelegenheit zu zeigen, dass sie sich mit Muttersprachlern gut verständigen können. "Zum siebten Mal besuchen uns Schüler des Gymnasiums Nr. 41 aus Sankt Petersburg. Angefangen hat der Schüleraustausch 1999 mit persönlichen Beziehungen, die wir auf einer Kursfahrt der 12. Klassen nach Sankt Petersburg geknüpft haben. Seither besuchen wir die Newa-Stadt jährlich mit 20 bis 25 Schülern und zeigen genausovielen russischen Schülern Erkner, Berlin und Umgebung", sagt Ilona Urban.
In diesem Jahr werden die Sankt Petersburger die Weihnachtsvorbereitungen erleben. Ein Besuch des Strietzelmaktes in Dresden gehört dazu wie der Nikolaustag. "Wir wollen die Schuhe unserer Gäste mit Süßigkeiten füllen. Aber der Schüleraustausch soll die Sprachfähigkeiten entwickeln. Unsere Partner lernen ab der 1. Klasse deutsch und schließen die Schule mit einem sehr hohen Niveau ab", erklärt die 53jährige Lehrerin. Die russischen Schüler kommen mit einem Auftrag: Sie sollen etwas über Erich Kästner in Erfahrung bringen. In der Stadtbibliothek gibt es dazu eine Lesung, sie werden eine Kästnerverfilmung sehen. Im Unterricht, an dem die Gäste teilnehmen, soll es um das Projekt "Vorurteile abbauen!" gehen. Richtig schwierig wird es bei der „Stadtrallye", auf der die Schüler 13 Fragen zu Erkner beantworten müssen, auf Deutsch natürlich. In der Maulbeerapotheke sollen sie zum Beispiel erfragen, welches Medikament in der letzten Zeit am häufigsten gekauft wurde. Zusatzpunkte gibt es, wenn sie wissen, was MOZ bedeutet. Nun, vielleicht helfen die Gast-Eltern, bei den die russischen Kinder eine Woche lang leben, ein wenig. Schließlich wollen alle einen Preis bei der Rallye gewinnen.
Im nächsten Frühjahr machen sich dann die Erkneraner Schüler zum Gegenbesuch auf. Bis dahin werden die Kontakte untereinander per E-Mail oder per Brief aufrecht erhalten. Das größte Problem bei der Organisation ist der Kampf mit der Bürokratie. Einladungen, Pässe und Visa müssen rechtzeitig besorgt und Unfall- und Krankenversicherungen für die Gäste müssen abgeschlossen und bezahlt werden. Alles kostet Geld, das Landesbildungsministerium fördert nur noch einen Schüleraustausch pro Jahr und Schule. „So mussten wir andere Finanzierungsquellen erschließen. Unser Schulförderverein hilft ein wenig. Vom pädagogischen Austauschdienst bekommen wir ein kleines Taschengeld für die russischen Schüler. Bisher half uns die Stiftung West-Ost-Begegnung (ehemals DSF). Seit 4.10.2006 gibt es eine neue Stiftung, die deutsch-russischer Jugendaustausch heißt. Ich bin gerade dabei, deren Förderkriterien zu erkunden und entsprechende Anträge zu schreiben", resümiert Ilona Urban.

Erkneraner - Ausgabe 11 2006

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