Schnellläufer im Schlussspurt

Erkner: Gymnasiasten der ersten Leistungsprofil-Klasse stehen vor dem Abitur

Schüler der einstigen LPK mischen ganz vorn im Jahrgang mit

Von Jette Beißer

Erkner Vor acht Jahren betraten 27 Fünftklässler am Carl-Becbstein-Gymnasium in Erkner (CBG) Neuland. Die erste Leistungsprofilklasse, Beginn eines Schulversuchs, der aufstrebenden Kindern die Möglichkeit eröffnete, das Abitui bereits nach zwölf Jahren zu absolvieren. Nun ist es soweit Die ersten „Schnellläufer" legen ihre Hochschulreife ab.

Im September 2001 wurde am Gymnasium in Erkner erstmals eine fünfte Klasse gebildet - mit dem Ziel, in nur 12 statt regulär 13 Schuljahren das Abitur abzulegen. Die Mädchen und Jungen waren Teil des beginnenden Schulversuchs „Leistungsprofilklasse" (LPK), der in Berlin und Brandenburg eingeführt wurde.
Das Erkneraner Gymnasium erhielt damals den Zuschlag für die Region. Der Andrang an Schülern war enorm. Erstaunlich dabei, dass viele Kinder den Entschluss zur Beteiligung an dem Projekt eigenständig fassten, das Drängen der Eltern oft eine untergeordnete Rolle spielte.
„Bei mir jedoch haben meine Eltern gesagt, ich solle an dem Schulversuch teilnehmen", erinnert sich Carolin Wolf (18). Die Erkneranerin erzählt, dass sie damit anfangs ganz und gar nicht einverstanden war. Sie wollte eigentlich Russisch belegen, bei den „Schnellläufem" war aber Französisch als zweite Fremdsprache vorgeschrieben. „Außerdem wollte ich meine alte Schule und meine Freunde nicht verlassen." Mit Abstand betrachtet weiß sie aber heute, dass es die richtige Entscheidung war. Überhaupt findet sich unter den angehenden Abiturienten aus der LPK niemand, der den Schritt bereut.
„Ich bedauere nur, mich nicht mehr angestrengt zu haben", sagt Julia Sänger (18) aus Woltersdorf. Ihre Leistungen fielen anfangs stark ab. „Ich war in meiner alten Klasse eine der Besten, habe mich darauf ausgeruht und verlassen, dass alles ohne viel Aufwand klappt. Da hatte ich mich leider getäuscht." Später seien ihre Noten wieder besser geworden, sie strebt nun einen Abiturdurchschnitt von 2,2 bis 2,5 an.
Auffällig ist, dass die alten „Schnellläufer" im Vergleich zu den „normalen" angehenden Abiturienten im Schnitt relativ weit vom liegen. Zwei der drei Jabrgangsbesten stammen aus der LPK, Carolin Wolf steht sogar knapp an Platz 1. Ihr Ziel ist ein Abitur mit 1,0. „Ich denke, hier zeigt sich, dass der Lemwillen von uns ehemaligen Schnellläufern recht groß ist. Damals als wir aufs Gymnasium kamen, sowie auch heute noch", resümiert Mathis Lucka (18) aus Schöneiche.
Natürlich gab es im Laufe der Zeit kritische Stimmen zur LPK. Es hieß, sie würde die besseren . Lehrer bekommen als andere Klassen, die Schüler der 5. und 6. Klassen passten nicht in das Ambiente eines Gymnasiums, nach zwölf Jahren Schule seien die meisten noch nicht reif für das Prädikat der allgemeinen Hochschulreife. „Tatsächlich hatten wir bei Lehrern Unterricht, die relativ viel von uns gefordert haben. Aber genau das war ja auch das Ziel", erinnert sich Carolin. Denn das Motto des Schulversuchs lautete „Fördern durch Fordern".
So wurde auch von den Lehrern und älteren Schülern einiges gefordert, war es doch für alle zu Beginn eine ungewohnte Situation, plötzlich spielende Kinder über den Schulhof toben zu sehen, sich umzustellen vom Unterricht mit halb ausgewachsenen Teenagern zu neuerdings präpubertären Sprösslingen. Doch haben fast alle die Hürden gemeistert Lediglich vier Schnellläufer der ersten Generation sind aus unterschiedlichsten Gründen beim Schlussspurt nicht mehr dabei.
.Mein Gefühl ist, dass wir trotz potentieller Probleme sehr gut in den Jahrgang integriert sind", findet Tristan Denecke. Der 18-jährige Woltersdorfer gehörte ebenfalls zur Leistungsprofilklasse, ehe er das neunte und zehnte Schuljahr in Amerika verbrachte., Als ich wiederkam, hatten sich alle sehr verändert, einen großen Sprung gemacht Ich war erstaunt, wie eng der Jahrgang zusammengewachsen war."

Schneller zum Abi

2001 wurde in Brandenburg und Berlin als Schulversuch Leistungsprofilklassen eingeführt. Es galt, leistungsstarken Kindern die Möglichkeit zu bieten, das Abitur nach 12 Jahren abzulegen. Dazu besuchten die Schüler ab der 5. Klasse das Gymnasium, erarbeiteten durch kürzere Übungsphasen und ein höheres Stundenpensum schneller den lehrplanmäßigen Stoff der Mittelstufe, übersprangen die 8. Klasse. Der Schulversuch wurde nach vier erfolgreichen Jahren eingestellt. Heute gibt es als Alternative die Leistungs- und Begabungsklasse am Gymnasium - ebenfalls ab Klasse 5. (jeb)

Eine Stufe übersprungen: Carolin Wolf (18) aus Erkner gehört zu den "Schnellläufern" der ersten Generation. Sie hat die 8. Klasse ausgelassen, legt jetzt das Abitur ab.
Foto: Jette Beißer


MOZ - 25. März 2009

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