Deutsch-Kurse 11: Besuch im THEATER STRAHL in Berlin

Lia Gülzow (11a) • 30. Mai 2026

Kultur · Werte · Persönlichkeit

„Adam ist der Dönermann, Walter ist Gesundheitsamt, der Krug ist das Trinkgeldglas“

Gelungene Modernisierung oder zwanghafte Verjugendlichung?

Was zunächst wie eine absurde Umdeutung wirkt, ist Teil der freien Interpretation von Anna-Vera Kelles Inszenierung des Kleistschen Lustspiels und der diesjährigen Abiturlektüre „Der zerbrochne Krug" am Theater Strahl. Altbackene Sprache weicht leicht verständlichen Dialogen, lautstarken Konflikten und schnellen Wechseln – auf diese Weise soll der Klassiker besonders für junge Theaterbesucher zugänglich gemacht werden und zum Nachdenken anregen, so Kelle in einem Interview. 

Dennoch stellt sich unweigerlich die Frage, ob dieses Nachdenken durch die leicht verständliche, fast plakative Botschaft eher verhindert wird. Ist diese Art von Interpretation zu simpel oder genau richtig für die angehenden Abiturienten?


von Lia Gülzow, Charlotte Laurisch, Mia Michaelis, Gwen Kirste, Marcus Hoffmann und Anuk Kühn, LK Deutsch 11, CBG

am 30. Mai 2026

Bild: © Jörg Metzner

Worum geht es eigentlich? 

23.04., 11 Uhr: Der kleine Saal des Theater Strahl am Ostkreuz ist voll besetzt, darunter auch die Schüler*innen des 11. Jahrganges des Carl-Bechstein-Gymnasiums. Viele erwartungsvolle Blicke richten sich auf die Bühne, wo die Schauspielenden eifrig Karten spielen. Nach einer Begrüßung des Publikums wird das Schauspielteam, bestehend aus Bo, Liwo, Tanne und Kat, durch eine kurze musikalische Einlage vorgestellt. Es wirkt vorerst wie ein fast schon merkwürdig formaler Beginn, doch bei der darauffolgenden Zuweisung der Figuren wird schnell klar, dass das Stück bereits begonnen hat und man sich mitten im Geschehen befindet. 


Denn als dem Schauspieldirektor Bo augenscheinlich die Rolle der Eve und nicht die des Protagonisten Adam zugewiesen werden soll, beginnen bereits die Umverteilungen und damit die Show dominierenden Konflikte um die Figuren. Liwo, der die Hauptrolle so verwehrt bleibt, beschwert sich zu Recht über ihre neue Rolle als Eve und protestiert über das gesamte Stück hinweg gegen diese geschlechtertypische Aufteilung und den schwach wirkenden Charakter Eves. Ihre wiederholte Forderung ein anderes Stück Kleists, die Penthesilea, zu spielen, verdeutlicht ihre Einstellung zu den traditionellen Machtstrukturen in Bezug auf Frauenrechte, findet aber das ganze Stück über kaum Gehör. Auch die anderen Darsteller*innen bemerken sofort, wie wenig Ahnung Bo von seiner neuen Rolle und dem gesamten Werk hat. Er kennt weder einen Vers noch die Handlung des klassischen Dramas, was besonders durch Fragen wie „Und worum geht’s?“ mitten im Stück sichtbar wird. 


Die Hierarchie des Ensembles ist deutlich zu erkennen: Bo als Chef ist zwar zwingend angewiesen auf seine Kollegen, sieht sich dennoch klar an der Spitze und als alleinigen Entscheidungsträger. Trotz seiner Abhängigkeit droht er: „Stichpunkte, sonst fliegst du im hohen Bogen vom Regiestuhl“, um seine Machtposition zu demonstrieren. Diese Dynamik ist auch im Umgang mit seinen Kollegen erkennbar, doch sie stellen sich aus Angst, vor allem jedoch aus Eigennutz, nicht gegen ihren Schauspieldirektor. Genau dieses Geschehen soll die Machtstrukturen und ihren Missbrauch in der realen Welt verdeutlichen, wie im späteren Teil des Stücks auch klar von Liwo ausgesprochen wird. Zwar wird zwischen den nicht enden wollenden Konflikten auch immer wieder zum originalen Text von Kleists „Der zerbrochne Krug“ gewechselt, doch werden diese reichlich kurzen und beabsichtigt langweilig dargestellten Sequenzen rasch von der Übertragung der Idee des Stückes in die echte Welt unterbrochen. 


So wird zum Beispiel mitten im Stück mit der Idee gespielt, das Drama in eine „Dönerbude“ zu verlagern. Adam soll kurzfristig den Dönerchef und Walter, als sein Gegenspieler, das Gesundheitsamt darstellen. Dafür wird mit dem generell recht schlicht gehaltenen Bühnenbild gearbeitet; hinten im Bild die Andeutung von Eves Kammer, bestückt mit einem Bett, einem Tisch und den roten Gewändern, die als symbolische Kostüme helfen, die Rollenverteilung zu verschiedenen Zeitpunkten im Stück zu verdeutlichen. Außerdem steht ein Turm, wie man ihn eigentlich aus dem Schwimmbad kennt, in einer Ecke der Bühne. Über die ganze Fläche verteilt stehen Instrumente, die dreimal während der Aufführung, doch immer für den gleichen Song („Monkey Man“ von Amy Winehouse) zum Einsatz kommen. 


Um nun aber die Dönerbuden-Szene anzudeuten, auch wenn die Idee ebenfalls nur von kurzer Dauer ist, wird zum ersten Mal überhaupt in der Inszenierung auf die räumliche Aufteilung eines Gerichtsaals zurückgegriffen. Hierbei fällt dem Publikum abermals auf, wie weit die Aufführung vom Original abweicht. Zum Schluss löst sich das Stück endgültig im Chaos auf. Der eigentliche Plan scheint mittlerweile vollkommen verworfen worden zu sein und es geht nur noch um die gespielte Realität. Es kommt zur fälschlichen Behauptung von Bo gegen seine Angestellte Liwo und erneut entsteht ein Durcheinander aus Lügen und Ausreden, wie es auch im eigentlichen Werk zu finden ist. Die Übertragung des Hauptkonflikts, der Missbrauch von Autorität und Macht, wird letztendlich nochmal auf die Spitze getrieben als der Schauspieldirektor Bo, im vermeintlich Privaten mit Liwo sehr unangenehm und grenzüberschreitend auftritt und sie bedrängt. So betont er abermals seinen Hochstatus und seine Macht ihr gegenüber - hier ebenso eine Parallele zum Original. 

Glücklicherweise führt die Situation zum Auffliegen seiner Person und das restliche Schauspielteam wendet sich trotz schlecht vorgetäuschter Traurigkeit und Bedauern gegen ihn, ähnlich wie es im Drama nach Adams Entlarvung durch Walter auch geschieht. Abgeschlossen wird die Inszenierung durch das Vorstellen der echten Schauspielenden, die somit bemerkenswerterweise gleich zwei Figurenebenen verkörpert haben: die der gespielten Schauspielenden und die ständig wechselnden Figuren des zerbrochenen Krugs.


Bild: © Jörg Metzner


Wurde das Drama übermodernisiert? 

Die Adaption „Krug. Zerbrochen!“ lässt sich als gut gelungen beschreiben. Durch die musikalische Untermalung, das Aufgreifen aktueller Kontroversen wie Machtmissbrauch am Arbeitsplatz und sexuelle Übergriffe und einen umgangssprachlichen Stil, konnte der deutsche Klassiker erfolgreich aktualisiert werden. So erreicht das Theater seine intendierte Zielgruppe der Jugendlichen und ermöglicht erste positive Theatererfahrungen. Die Figurendynamik ist, trotz Übertragung in die Gegenwart, leicht erkennbar und die Konflikte passend dargestellt. Allerdings könnten viele Momente der Inszenierung schneller abgeschlossen werden, da den Jugendlichen durchaus eine schnellere Auffassungsgabe zugetraut werden kann. Die so eingesparte Zeit sollte stattdessen dafür verwendet werden, die ständigen Figurenwechsel klarer und auf diese Weise übersichtlicher hervorzuheben. 

Ist die Inszenierung am Theater Strahl einen Besuch wert? 

Die Inszenierung ist definitiv eine empfehlenswerte Ergänzung zum Original. Sie zeigt die tieferen Thematiken des Klassikers und bietet ihnen Raum. So sorgt das Stück für einen noch differenzierten Blick auf das Drama. Dennoch ersetzt sie keine Lektüre, denn wer das Drama und ihre Handlung nicht kennt, wird an vielen Stellen nicht mitkommen und das Stück nur eingeschränkt genießen können. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Aufführung als Ergänzung zum Unterricht durchaus sinnvoll ist, besonders im Hinblick auf das diesjährige Deutsch-Abitur, dennoch die Erwartung einer reinen Inszenierung des Lustspiels nicht erfüllen kann.


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